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Yanomámi
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Ein südamerikanischer Volksstamm, der sprachlich zur Familie der Waika- oder Yanomam-Sprachen gehört. Sie sind das bedeutendste Volk dieser Sprachfamilie und ebenso das größte noch freilebende Regenwaldvolk der ganzen Erde, das im venezolanisch- brasilianischen Grenzgebiet mit rund 20.000 Angehörigen siedelt.
Zurückgedrängt in entlegene Urwaldgebiete, überdauerten die Yanomámi-Sippen Jahrtausende – zwar uneins untereinander, aber im Einklang mit der Natur lebend, bis zu Beginn der 60er Jahre des 20. Jh. ihr Gebiet von den Weißen entdeckt wurde. Ihr eigentlicher Name ist „Yanomámi”, von einigen Ethnologen wurden sie „Waikao = jmd. töten, der schon verwundet ist”, und von den benachbarten karibischen Makiritare werden sie „Shiriana = Brüllaffe” genannt.
Sie leben mit etwa 11.700 Angehörigen (2000) in den brasilianischen Bundesstaaten Amazonas und Roraima und knapp 15.200 Angehörigen (1992) in Venezuela. Die Yanomámi unterteilen sich in insgesamt vier verschiedene Unterstämme.
Diese Unterstämme sind:
- Yanomámi (Yanoam, Yanomam, Yanomamé, Waicá, Waiká, Surara, Xurima, Parahuri) - mit etwa 9.000 Angehörigen (1994 ) in der Mission Waicá am Rio Uraricuera sowie am Rio Catrimani im brasilianischen Bundesstaat Roraima und in der Mission Toototobi in Amazonas. Zu ihrer Sprache gehören die Dialekte: Yananam (Patimitheri, Waika), Yanomam (Naomam, Guadema, Wadema, Warema), Yanomay (Toototobi), Nanomam (Karime), Jauari (Joari, Yoari, Aica). Diese Gruppe ist etwas unterschiedlich, aber eng mit den anderen verwandt;
- Yanomamó (Yanomamö, Yanomámi, Guajaribo, Guaharibo, Guaica, Shamatri, Shaathari, Cobariwa, Cobari Kobal) - mit etwa 15.710 Angehörigen (2000) in Venezuela, im Orinoco-Mavaca-Areal und 1.500 bis 2.000 Angehörigen im brasilianischen Bundesstaat Amazonas, an den oberen Nebenflüssen des Rio Negro, wo sie auch den Namen Shamatari tragen. Dabei ist der Ost-Dialekt (Parima) in der Sierra Parima, östlich des Rio Batau und der West-Dialekt (Padamo-Orinoco) im Becken des Rio Padamo, an den Flüssen Ocamo, Manaviche und am oberen Orinoco und südlich des Orinoco bis hin zu den Quellen des Marania und Cauaburi sowie in einem großen Dorf im Gebiet des Rio Siapa im Süden Venezuelas verbreitet.
Ein weiterer Dialekt ist das Cobari (Kobali, Cobariwa), welches etwas verständlich mit den anderen ist. Diese Gruppe ist unterschiedlich aber eng verwandt mit den Yanomámi (Waika) von Brasilien.
Noch weitere Untergruppen dieses Volkes sind die –› Sanumá und Ninam (Yanam).
Auf einer Gesamtfläche von annähernd 100.000 km² im bergigen Urwaldgebiet beiderseits der brasilianisch- venezolanischen Grenze ist dieses sprachlich isolierte Volk, das größte Volk der Waldlandindianer Südamerikas zu Hause. Die Staatsgrenze spielt für das Waldvolk keinerlei Rolle. Ihr Siedlungsgebiet ist größtenteils mit dichtem Urwald bedeckt, mit Ausnahme in der Serra Parima, einem größeren Savannengebiet.
Ihre Sprache bildet mit den verschiedenen Sprachen und Dialekten ihrer Untergruppen die Waika-Sprachfamilie, die keine näheren Bezüge zu irgendeiner anderen Sprache hat. Auch sonst nehmen die Yanomámi-Indianer eine kulturelle Sonderstellung ein. Sie besitzen keine vollentwickelte Waldlandkultur, wie etwa die benachbarten Makiritare und halten sich abseits der großen Wasserwege und Flussläufe. Sie sind zwar Brandrodungsbauern und ihre Hauptanbaufrucht ist die Mehlbanane statt dem Maniok. Man hat berechnet, dass die Yanomámi für ihre Art des Wanderfeldbaus eine Fläche von ca. 64.000 ha für 80 Personen benötigen.
Die Weberei ist bei ihnen unbekannt und auch die Töpferei und Flechtere sind nur rudimentär entwickelt. Ihre typischen Runddörfer (shabono) liegen weitverstreut im Wald. Ein solches Shabono wird von mehreren Abstammungsgruppen, zwischen 50 und 250 Einwohnern bewohnt. Etwa 250 autarke Shabonos soll es geben. „Shabono” bedeutet „Lichtung”, und diese bildet den Dorfplatz, um den herum die Hütten (malocas), nach vorne hin offen, stehen. Diese Malocas bestehen aus einer Pultdachkonstruktion, was eine überdimensionale Weiterentwicklung der Windschirmbauweise ist, deren Rückwände oftmals Teil eines Palisadenringes ist, den manche Dörfer anlegen.
Ihre Eingänge werden nachts verschlossen und in der Hütte lodert immer ein Feuer, über dem feuchtigkeitsempfindliche Gegenstände und die Waffen hängen, um im tropischen Klima funktionstüchtig zu bleiben. Nachts dient den Indianern das Feuer auch als Kälteschutz. Etwa aller zwei Jahre werden die Shabonos aufgelöst, indem man wegen der Schaben, Spinnen und Skorpione in den Dächern der Malocas diese einfach abbrennt und sich einen neuen Standort sucht. Mehrer Dörfer bilden durch einen intensiven Tauschhandel, durch Heiraten oder aber stark zeremonialisierte Besuchsreisen regionale Bündnisse, die Konflikte nicht ausschließen. Neben der Banane sind die Jagd und die Kultivierung von Fruchtbäumen sowie von Tabak für sie von grundlegender wirtschaftlicher Bedeutung.
Oft gehen die Yanomámi auf Wanderungen, auf denen sie manchmal wochenlang jagen, fischen und Wildfrüchte sammeln, die zwar nur 20% der Nahrung ausmachen, aber durch Protein- und Vitamingehalt wichtig sind. Die Yanomámi tragen eine tonsurartige Frisur und sind, dem Klima angepasst, nur sehr spärlich bekleidet. Um so aufwendiger sind jedoch Federschmuck und Körperbemalung. Sie sind von recht kleiner Statur, die Männer werden kaum größer als 160 cm. Im Ritualwesen der Yanomámi ragen das Totenfest und die Reifefeier der Pijiguao-Palme (Bactris gasipaes) besonders hervor. Für Missdeutungen anfällig ist der bei den Yanomámi übliche Endokannibalismus.
Nach ihrem Glauben kann die Totenseele (nobolebe) nur dann die Reise in das Jenseits antreten, wenn der Verstorbene auch ordnungsgemäß bestattet und alle notwendigen Zeremonien abgeschlossen wurden. Anlässlich eines Todesfalles erhebt sich zunächst das Klagegeschrei der Verwandten. Nach der Verbrennung des Leichnams auf dem Dorfplatz werden die verkohlten Knochenreste geborgen, zu Pulver gestampft und in Kalebassen gefüllt. Anschließend nimmt die Trauergemeinschaft ein Bad, um sich vom Rauch, der die Totenseele in das Jenseits geführt hat, zu reinigen. Die Yanomámi glauben im übrigen an eine „Schattenseele”, die sich in Tiergestalt im Wald aufhält.
Zwischen Mensch und tierischem Ego herrscht eine Art Lebensgleichlauf. Stirbt der Mensch, so stirbt auch das Tier und umgekehrt. Einen Monat nach der Verbrennung wird das Knochenpulver in Bananensuppe gemischt und von den Verwandten verzehrt. Dies ist ein Ritual, das so lange wiederholt wird, bis die Kalebasse leer ist. War nun der Tote das Opfer einer kriegerischen Auseinandersetzung mit einem anderen Stamm, folgt auf das Ritual ein Rachefeldzug. Die häufig wechselnden Allianzen zwischen den einzelnen Shabonos werden beim Jahresfest der Pijiguao- Palme manifest, zu dem befreundete Gruppen eingeladen sind.
Die Bekräftigung der Bündnisse auf dem Fest leitet oft neue Kriegszüge ein, deren Ziel in erster Linie der Frauenraub ist. Die Yanomámi sind ein außergewöhnlich wildes und kriegerische Volk. Kriege im Unterschied zu formellen Zweikämpfen, sind Überfälle auf andere Dörfer mit der Absicht, zu töten und sich dann zurückzuziehen, bevor der Feind die Toten entdeckt. Das tägliche Leben in einem Dorf, das häufig von Überfällen heimgesucht wird, ist voller Nervosität und Hektik. Die Frauen fürchten sich, das Dorf zu verlassen, um Feuerholz zu suchen oder Wasser zu holen und die Männer sind reizbar und ständig auf der Hut, da jeder fremdartige Laut außerhalb des Dorfes und jeder plötzliche Ruf oder Hundegebell allgemeine Panik hervorruft, die die Männer zu ihren Waffen greifen läßt.
Die schonungslose Kriegsführung ist ein wichtiger Bestandteil der Yanomámi-Kultur, jedoch gehört zum Kriegswesen auch die Fähigkeit, Bündnisse einzugehen. In der egalitären Yanomámi-Gesellschaft ohne Häuptlinge, ohne soziale Schichtung ist Kampf eine der wenigen Gelegenheiten, wo ein Mann Prestige holen kann, das ihn über die anderen heraushebt. Privatbesitz ist ausgeprägt, aber wer mehr hat als die anderen, muss unter dem Druck der Gemeinschaft und den religiösen Vorstellungen seinen Überschuss an andere verteilen. Bedeutende Krieger oder auch Jäger bilden eine politische Führungsgruppe, die aber ihren Einfluss immer wieder durch Kriegstaten sowie durch einleuchtende Ratschläge erneuern muss jedoch keinerlei Befehlsgewalt hat.
Das kriegerische Gebaren des „Töters”, der sich meistenteils dramatisch theatralisch, aggressiv wild zeigt, spielt eine etwa vergleichbare Rolle wie bei uns das dynamische Managergehabe eines Angestellten, der in seiner Firma aufsteigen will. Ihre Kriege und Zweikämpfe sind ebenso Teil ihres Lebens, wie es Streitigkeiten und Wettbewerb in den westlichen Gesellschaften gibt. Eigenartig mutet an, dass die Seele eines gefallenen Kriegers ein eher unattraktives Schicksal im Jenseits erwartet. In vielen Dörfern haben fast alle Männer den Ruf eines Medizinmannes, der auch der Mittler zum Jenseits ist. Er wähnt sich im Besitz einer Reihe von Hilfsgeistern (hekula), mit deren Hilfe er Krankheiten sowohl heilen als auch verursachen kann. Unabdingbar hierzu ist das nahezu tägliche Schnupfen halluzinogener Drogen in beträchtlichen Mengen.
Die Männer versammeln sich, blasen sich gegenseitig kleinere Mengen einer aus Pflanzen gewonnenen Droge (ebene) in die Nasenlöcher und beschwören dann ihren Geist (hekula), entweder Feinde anzugreifen oder den Geist der Feinde davon abzuhalten, sie selbst anzugreifen. Das erste Schnupfen der Droge ist schmerzhaft, es ruft Würgen und Erbrechen hervor und verursacht fürchterliche Kopfschmerzen danach. Aber es gibt ein immerwährendes Bedürfnis, sich selbst und seine Gruppe gegen feindliche Anschläge zu schützen und gegebenenfalls zu verteidigen, und so müssen die Drogen täglich genommen werden, um mit den Geistern in Verbindung zu bleiben.
Bis vor einigen Jahren noch eines der größten und bedeutendsten eingeborenen und traditionell lebenden Völker des südamerikanischen Tieflandes, droht den brasilianischen Yanomámi seit mehreren Jahren die Zerstörung ihres Lebensraums wie auch ihrer physischen Existenz. Seit 1947 ebnen Missionare den Weg dafür, dass brasilianische Holzfäller, Palmfasersammler, Siedler und venezolanische Viehzüchter auf wenig Widerstand trafen. 1963 begann auf der brasilianischen Seite die Diamantensuche. Anfang der 70er Jahre beschloss die Regierung die „Entwicklung” der „menschenleeren Gebiete” im Nordosten Brasiliens und errichtete zu diesem Zweck eine Straße.
Der Hintergrund waren: reiche Vorkommen an Uran, Titan, Bauxit, Edelsteinen und vor allem Gold. 1987 erreichte der Goldrausch seinen Höhepunkt. 45.000 Garimpeiros wurden über Luftbrücken und 120 illegal angelegte Landepisten in das Gebiet gebracht. Zwar war den Yanomámi ein 94.000 km² großes Territorium zugesprochen worden, das Gebiet wurde aber nicht demarkiert. Im Gegenteil – große Teile des Landes wurden zur Militärzone erklärt, angeblich aufgrund „kommunistischer Infiltrationsgefahr”; das Territorium Roraima wurde zum Bundesstaat erhoben, wo sich binnen weniger Jahre bereits die Anzahl der Bevölkerung verdreifachte. Die Goldsucher, zumeist selbst arm und ausgebeutet, brachten Umweltzerstörung (Quecksilberverseuchung der Gewässer), Seuchen und Tod ins Land.
Ein Fünftel der rund 10.000 brasilianischen Yanomámi wurde dahingerafft. 1993 eskalierte der Konflikt: Goldsucher ermordeten 5 Yanomámi. In einem Racheakt wurden 2 Garimpeiros getötet. Goldsucher überfielen daraufhin ein Dorf der Yanomámi-Indianer und erschlugen 16 Frauen und Kinder. Eingeleitet durch das illegale Vordringen von Goldsuchern auf das Gebiet der Yanomámi bis zu den von staatlicher Seite genehmigten Eingriffen in das Ökosystem dieses Waldareals wurden Krankheiten eingeschleppt, gegen die die Indianer keine Abwehrkräfte besitzen. Diese führen somit auch bei den Yanomámi zu der in Südamerika bereits seit etwa 500 Jahren sich immer wiederholenden demographischen Katastrophe.
Im Vergleich zum skandalösen Desinteresse der brasilianischen Behörden am Schicksal der Yanomámi kann die Indianerpolitik auf venezolanischer Seite, wo die Yanomámi ihre Unabhängigkeit unter der Protektion katholischer Missionen noch weitgehend wahren können, als einigermaßen vorbildlich gelten. Der venezolanischen Seite lag durchaus am Schutz der Indios, allerdings sollte im Zuge der Zivilisierung auch gleich die Christianisierung erfolgen – mit ebenfalls teilweise sehr erschreckenden Ergebnissen. In den Umsiedlungscamps verursachten Infektionskrankheiten ein Massensterben. Waffen, die als Anreiz für den Umzug in zivilisationsnähere Gebiete verteilt wurden, dienten nicht selten der Befriedigung interner Rachegelüste.
Andere Missionierte eigneten sich die „weiße” Lebensweise an, verloren ihre Beziehung zur Natur und begannen, die Umwelt zu schädigen. Durch internationale Proteste wurde zumindest erreicht, dass die zuvor abgezogenen Gesundheitsinstitutionen in Brasilien ihre Arbeit im Gebiet der Yanomámi-Indianer wieder aufnehmen konnten. Die Bundesregierung setzte außerdem die Demarkierung des Yanomámi-Gebietes durch. Medienwirksam wurden Landepisten gesprengt und Garimpeiros zum Abzug bewegt, um jedoch einige Tage später wieder hierher zurückzukehren. Nach wie vor regieren in Roraima Geschäftemacher, mit unbewiesener Unterstützung des Militärs. Schlagzeilen brachte zuletzt der größte Flächenbrand in der Geschichte Amazoniens.
Von Januar bis März 1998 wurde in Roraima eine Fläche von 37.000 km² in verbrannte Erde verwandelt. Der Brand bedrohte unter anderem das Kerngebiet der Yanomámi-Indianer. Diese Katastrophe war eine hausgemachte: Die Mehrzahl der Brandrodungen im Amazonasgebiet wird ganz offiziell genehmigt, denn einer gerodeten Fläche wird – entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse – das Zehnfache des Wertes einer gleich großen, intakten Regenwaldfläche zugesprochen. Unterstützt von monatelanger Dürre, verschleppten und ineffizienten Löschmaßnahmen, der Verweigerung internationaler Hilfsangebote sowie noch zusätzlicher Brandstiftung, geriet der Brand dann außer Kontrolle – und zerstörte in einem dreimonatigen Inferno, wozu der Mensch Jahre gebraucht hätte. Die Yanomámi überlebten noch einmal. Durch endlich einsetzende schwere Regenfälle wurden 95% der Brände gelöscht. Die Erde ist nun jedoch entblößt und zur Ausbeutung freigegeben.
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