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Tibetisch
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Es zerfällt in das Alt-Tibetische und Neu-Tibetische (Phöwa, Üke). Tibetisch ist die Sprache der autochthonen Bevölkerung Tibets. Nach dem Einmarsch der Chinesen in Osttibet, im Jahre 1950 und der Okkupation ganz Tibets 1959, gelten die westlichen und zentralen Distrikte Ngari, Tsang und Ü offiziell als eigentliche Autonome Region Tibet (chinesisch: „Xizang = westliches Schatzhaus”). Der größte Teil der Region Amdo in Nordtibet wurde zur Provinz Qinghai und ein Teil zu Gansu, Teile des osttibetischen Distrikts Kham wurden den Provinzen Sichuan und Yunnan zugeordnet.
Das Tibetische im eigentlichen Gebiet Tibet, das heute zur VR China gehört, ist das Zentral-Tibetisch (Tibetisch, Wei, Weizang, Bhotia, Zang, Phoke, Dbus, Dbusgtsang, U) und wird von über 1,066 Mio. Menschen (1990) gesprochen, von denen ca. 86% monolingual sind. Die Population zählt inklusive der Dialekte: 570.000 Dbus, 460.000 Gtsang (Tsang, Lhasa) und 40.000 Mngahris (Ngari). Außer in Tibet leben Tibeter auch in den chinesischen Provinzen Sichuan und Qinghai. In den im Exil lebenden Gemeinden hat sich eine sogenannte tibetische Diaspora gebildet. Sie basiert linguistisch auf dem Zentral-Tibetischen.
Ein weiteres Tibetisch in China ist das Khams-Tibetisch (Khams, Khams-Yal, Khams Bhotia, Kam, Khamba, Khampa, Kang), das von etwa 1,487 Mio. Menschen (1994) inklusive der Dialekte: Ost-Khams 996.000, Süd-Khams 135.000, West-Khams 158.000, Nord-Khams 91.000, Jone 77.000 und Hbrugchu 30.000 im Nordosten Tibets, in den Distrikten Changdu (Qamdo) und Naqu (Nagqu), in der Tibetisch Autonomen Präfektur Ganzi (Garzê), im Westen der Provinz Sichuan in der Tibetisch Autonomen Präfektur Diqing (Dêqên), in der nordwestlichen Provinz Yunnan und in der Tibetisch Autonomen Präfektur Yushu in der südwestlichen Provinz Qinghai gesprochen wird.
Rund 4.670 Sprecher (2000) des Tibetischen leben in Bhutan, wo die Sprache die alternativen Namen „Zang”, „Bhokha” und „Lhasa” trägt. Die echte tibetische Bevölkerung bezeichnet sich mit „Bhotia”. Etwa 60.000 Tibeter (1973) leben in Nepal, vor allem in Kathmandu und Pokhara sowie einige verstreut in kleinen Gemeinden entlang der chinesischen Grenze. Ihre alternativen Namen für ihre Sprache sind: Bhotia, Zang Wen, Bod Skad, Poke, Phoke, Zentral-Tibetisch und hierher gehört auch der Dialekt Utsang. Ebenso leben in Indien etwa 124.280 Tibeter (1994), vor allem an der tibetischen Grenze in den Bundesstaaten Himachal Pradesh, Uttar Pradesh, Arunachal Pradesh, Assam, Sikkim und in Delhi.
Im Darjeeling-Kalimpong- Gebiet von West Bengal haben sich seit 1900 zahlreiche Tibeter niedergelassen. Dialekte bzw. untergeordnete Sprachen sind: Aba (Batang), Dartsemdo (Tatsienlu), Dru, Gtsang, Hanniu, Jad (Dzad), Nganshuenkuan (Anshuenkuan Nyarong), Kongbo, Panakha-Panags, Marchha, Paurong und Takpa (Dwags). Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich neben der gebliebenen archaischen Schriftform die Tendenz zu umgangssprachlichen Koines ausgebildet, wobei der Dialekt der Provinz Dbus (sprich: Ü), das Dbus-skad (Üke) als Dialekt der Hauptstadt Lhasa (das Lhasa’i-skad) besondere Ausstrahlungskraft in Zentraltibet und nach dem Süden hatte.
Da etwa 5% der tibetischen Bevölkerung aus Lamas besteht, deren Ausbildung in den Klöstern von der Zentrale in Lhasa gelenkt oder zumindest stark beeinflusst wird, wird die in der alten Orthografie geschriebene Literatur (aber auch moderne Publikationen) immer mehr in der Lingua franca von Dbus (Ü) ausgesprochen. Seit 1951 wird auf dieser Basis eine neue tibetische Schriftsprache geschaffen, wobei sich chinesisch-tibetische Übersetzungskollektive bei der Normung der Sprache der Übersetzungen aus dem Chinesischen aktiv beteiligen. Die Nordvarianten und Ostvarianten haben jedoch auch eigene Presseorgane, die diesen Sprachen Rechnung tragen.
Neben der Umgangssprache blieb aber auch eine sogenannte Höflichkeitssprache (Zhesa) mit einem eigenen Wortschatz selbst für die alltäglichen Dinge voll wirksam. Außerdem wurde am Hofe des Pantschen Lamas der gTsang-skad-Dialekt von Shikaze zum Kanzleistil erhoben. Die Tibeter im engeren Sinn sind eine der offiziellen Hauptnationalitäten in China und werden mit dem Begriff „Zang” benannt. Sie leben aber auch in anderen Provinzen Chinas und als Flüchtlinge in den Himalaya- Ländern und in Indien. Sie nennen sich selber Bodpa, unterscheiden sich aber gewöhnlich nach Orten oder Landschaften. Viele separate Sprachen sind im Zentral- Tibetischen einbezogen: Atuence, Choni, Groma, Niarong, Lhomi, Panang, Sherpa, Tseku, Tinan Lahul und Kham.
Die Nomaden im zentralen und nördlichen Tibet in Phala auf dem Chang Tang-Plateau sind unter der Bezeichnung „Drokba” bekannt. Tibet ist ein sehr dünnbesiedeltes Hochland, das von hohen Gebirgsketten umgeben ist. Die Mehrzahl der Bevölkerung lebt in den Ackerbaugebieten des Südens (um Lhasa, Shigatse, Gyantse). Hier lagen früher auch die meisten großen Klöster. Der Norden ist mehr als Weideland für Viehzüchter geeignet, bietet auch weniger Ernährungsmöglichkeiten. Gewöhnlich setzte sich eine tibetische Gruppe aus Ackerbauern und Viehzüchtern zusammen. Enge, beinahe symbiotische Beziehungen verbanden die beiden Gruppen miteinander, ein lebhafter Tauschhandel mit den jeweiligen Produkten fand statt.
Vielfach waren die Grenzen zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern fließend. Die Bauern konnten unter bestimmten Umständen zum Nomadismus übergehen und andererseits wurden Viehzüchter sesshaft. Viehzucht wurde in Tibet in sehr vielen Formen betrieben, die vom Vollnomadismus über den Halbnomadismus und die Almwirtschaft bis zur bäuerlichen Tierhaltung reichten. Gerste und Weizen, Hafer, Hirse, Hülsenfrüchte und Gemüse waren die Hauptanbaupflanzen. Gerstenmehl, meist geröstet und mit Tee oder anderen Flüssigkeiten vermengt, gehörte zur Grundnahrung der Bauern. Bei Viehzüchtern lag die Betonung mehr auf Milchprodukten und Fleisch. Die tibetische Gesellschaft war in drei Gruppen geteilt, gemeines Volk, Adel und – seit dem 9. Jh. als dritter Faktor – die lamaistische Kirche.– Einen Mittelstand gab es nicht.
Adel und Kirche besaßen große Ländereien mit eigenen Dörfern, sie verpachteten Land und zogen Steuern ein, beherrschten den Handel und das spezialisierte Handwerkertum. Die tibetische Familie bildete zusammen mit hörigen Arbeitern und Dienern eine ökonomische Gemeinschaft. Vielmännerei war bei den Bauern sowie Viehzüchtern, wenn auch nicht überall in Tibet, verbreitet. Nach dieser Eheregelung wählte der älteste mehrerer Brüder eine Frau, die gleichzeitig auch seinem jüngeren Bruder zur Verfügung stand. Wurden Kinder geboren, so galten sie grundsätzlich als Kinder des ältesten Bruders, der auch die Ehe nach außen hin repräsentierte. Außer dieser fraternalen Polyandrie gab es auch das Zusammenfinden fremder Männer zu einer solchen Ehegemeinschaft. Im ältesten Bruder konzentrierte sich auch die Eigentümerschaft über Land, Vieh sowie über das elterliche Haus, das er zusammen mit seinen Brüdern bewohnte.
Oft ging der jüngste mehrerer Brüder in ein Kloster, behielt aber weiter ein Eigentumsrecht auf die gemeinsame Ehefrau und den Familienbesitz. Die Eltern zogen sich aus der Führungsfunktion der Familie völlig zurück, sobald die Söhne verheiratet waren. Fehlte der männlich Erbe, so konnte einer Tochter der Besitz übermacht werden. Ihr Ehemann zog in ihr elterliches Haus, nahm dann aber lebenslang eine Position als Diener ein. Die tibetische Familie gehörte einem exogamen Familienverband mit gemeinsamen Ahnen an, dessen Mitglieder zu Solidarität und Blutrache verpflichtet waren. Die Bauernfamilien bewohnten mehrstöckige, oft festungsartig ausgebaute Häuser aus Stein und Lehm. Der Adel besaß Burgen in uneinnehmbaren Lagen. Die Dörfer wurden meist von einem gewählten Oberhaupt geführt, das dem Besitzer des Dorfes, Adel oder Kirche, verantwortlich war.
Bestimmt wurde das Leben der Tibeter von der buddhistischen Religion in ihrer Sonderform des Lamaismus. Der Lama ist der in die Lehren eingeweihte Mönch und galt als der geistige Lehrer und Führer. Mittelpunkt des religiösen Lebens waren Klöster, die oft kleinen Staatswesen mit weitreichender wirtschaftlicher und politischer Macht gleichkamen. Auf klostereigenen Ländereien arbeiteten zu Dienstleistungen verpflichtete Bauern und Hörige. Spenden und Schenkungen, Gebühren für religiöse Dienstleistungen, Steuereinnahmen, Handel und Geldverleihung, auch Sonderrechte und Freiheiten der Abgaben trugen zum Reichtum der Klöster bei und machten sie zu autarken Wirtschaftseinheiten, regiert von einem spezialisierten Mönchsbeamtentum, vor äußeren Angriffen geschützt durch Kriegermönche.
Große Klöster rüsteten eigene Tributmissionen nach Peking aus und traten als Vermittler bei politischen Streitigkeiten auf. Wissenschaft und Kunst, Druckerei und Schriftgelehrtheit wurden im Kloster gepflegt und gelehrt. Nicht jeder Mönch erhielt jedoch Zugang zu dieser höheren Bildung. Eine strenge Hierarchie wies jedem seine Tätigkeit, von körperlicher Arbeit bis zur Einweihung in die höchsten Erkenntnisstufen, zu. Ein Abt stand der Mönchsgemeinde vor. Bei ihm lag die absolute geistliche Autorität sowie die Kontrolle aller weltlichen Aktivitäten des Klosters. Meist war er die Wiedergeburt (Inkarnation) einer buddhistischen Gottheit, und je höher deren Rang, desto größeres Ansehen genoss der Abt und damit das Kloster.
Tibetische Klöster waren nicht nur wirtschaftliche und politische, sondern auch geistige Zentren für ein großes Einzugsgebiet. Bei ihnen versammelten sich die Gläubigen zu Festen und Wallfahrten, mit frommen Stiftungen und Geschenken versuchten sie Verdienst anzusammeln, um so ihre Aussicht auf eine günstige Position im nächsten Leben zu verbessern. Die tibetische Geschichte vor dem 7. Jh. ist praktisch unbekannt. Archäologische Zeugnisse fehlen dazu fast vollständig. Mit dem 7. Jh. beginnt eine aggressive tibetische Monarchie mit Zentrum in Lhasa, gestützt, aber auch kontrolliert von mächtigen Adelsfamilien und dem vorbuddhistischen Bon-Priestertum, sich nach West-China, Oberburma und Nepal auszubreiten.
Der König SONGTSEN GAMPO (ca. 620–649) ist bereits so mächtig, dass er Frauen aus dem Herrscherhaus von Nepal und sogar von der chinesischen Tang-Dynastie erhält, unter deren Einfluss wahrscheinlich auch die ersten Ansätze zu einer Duldung und Förderung des Buddhismus gelegt werden. Die tibetische Expansion geht im 8. Jh. weiter und führt sogar zur Zahlung eines Tributes des chinesischen Kaisers. Selbst bis nach Kaschmir reicht der tibetische Einfluss. Von dort wird der Heilige P ADMASAMBHAVA nach Tibet geholt, der dem vom König gegen den Widerstand des Adels sowie der Bon-Priesterschaft geförderten Buddhismus zum Durchbruch verhelfen soll. 779 gründet PADMASAMBHAVA das erste buddhistische Kloster auf tibetischem Boden.
Der Konflikt zwischen Buddhismus und Bon-Religion ist jedoch nur Teil einer Konfrontation der Macht zwischen dem König und dem Adel, die im 9. Jh. zu der Ausrottung der Dynastie, der Gründung feudaler Teilfürstentümer und auch der Verfolgung des Buddhismus führte. Eine Renaissance seit dem 11. Jh. endet mit der Durchsetzung des Buddhismus in ganz Tibet, der Gründung von Klöstern sowie mit verstärkter Übersetzung buddhistischer Schriften. Seit dieser Zeit ist Tibet ein Kirchenstaat, seine Geschichte wird zur Kirchengeschichte, der Buddhismus durchdringt von nun an alle Lebensbereiche. Einflussreiche Äbte bestimmten die Politik, Adel und Kirche finden sich zu jener feudalen Interessengemeinschaft zusammen, die bis in das 20. Jh. andauerte.
Der Lamaismus, eine Vermischung der buddhistischen mit den volksreligiösen Vorstellungen mit verschiedenen Schulrichtungen (Gelbmützen- und Rotmützensekte), hat gegen Ende des 15. Jh. seine bis ins 20. Jh. gültige Form erreicht. Der Titel „Dalai Lama” (dalai = Ozean) wird erstmals 1578 vom mongolischen Herscher ALTAN KHAN dem Abt des Klosters Drepung, einer Inkarnation von Avalokiteshvara, dem Schutzgott Tibets, verliehen. Im 18. Jh. gerät Tibet in den Machtkonflikt zwischen dem westmongolischen Dsungaren-Reich und China. Eine chinesische Armee rückt nach Lhasa vor und lässt eine dauernde Garnison zurück.
Die chinesische Oberherrschaft über Tibet ist zwar milde, jedoch sichert sich China von nun an ein ständiges Mitspracherecht bei der Nachfolge der beiden höchsten tibetischen Inkarnationen, dem Dalai Lama und dem Panchen Lama, und übt damit eine indirekte politische Kontrolle aus. Im 19. Jh. wird Tibet schließlich zum Streitobjekt zwischen den Kolonialmächten England und Russland bei ihrem Machtkampf um die Vorherrschaft in Zentralasien. England versuchte 1904 dieses Problem für sich zu entscheiden und schickte ein Expeditionskorps bis nach Lhasa. Die chinesische Revolution 1911 beendete einen letzten Versuch Chinas, sein Einflussgebiet mit Waffengewalt gegen die Großmächte zu halten.
1912 erklärt sich Tibet für China unabhängig, weitere Versuche der chinesischen Republik, sich in Tibet erneut durchzusetzen, scheitern. Aus Angst vor Modernismus schloss Tibet sich in der Folgezeit hermetisch von allen äußeren Einflüssen ab, suchte auch keine Verbündeten, so dass es 1950 der Okkupationsarmee des kommunistischen Chinas allein und völlig wehrlos gegenüberstand. Tibet wurde in den folgenden Jahren an das chinesische Verkehrsnetz angebunden, eine grundlegende Voraussetzung für eine militärische Durchdringung des Landes. Flugplätze wurden gebaut und Tausende chinesische Familien angesiedelt. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, Schulen und Krankenhäuser errichtet, doch stand diesen Verbesserungen eine Einschränkung des traditionellen Lebens der Tibeter gegenüber.
Die Rechte des Dalai Lama waren praktisch annulliert. Als neue Maßnahmen der Erziehung, Strafgesetze und Steuervorschriften erlassen sowie die Entwaffnung der Tibeter endlich durchgesetzt werden sollten, kam es 1959 in Osttibet zum offenen Widerstand, nachdem dort schon seit 1956 ein durchaus erfolgreicher Guerillakrieg gegen China geführt worden war. Der Aufstand griff auch auf andere Landesteile über, wurde aber schnell niedergeschlagen. Der Dalai Lama floh nun nach Indien, gefolgt von einem Strom tibetischer Flüchtlinge, die seitdem äußerst schlecht ernährt und von Krankheiten heimgesucht, in großen Flüchtlingslagern in Indien lebten. Erst nach 1959/60 zerschlug China unerbittlich die traditionellen tibetischen Lebensformen. Die Lamas wurden aus den Klöstern vertrieben, die Kirche verfolgt, der Adel und jene reiche Bauernschicht, die sich gegen Kollektivierung und Enteignung wehrte, liquidiert.
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