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Naga-Völker
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Ein Zweig der Naga-Kuki-Chin-Sprachen sprechenden Völker. Bei den Ethnien des Naga-Zweiges handelt es sich um eine recht große Gruppe sprachlich verwandter Bergstämme im Nordosten Indiens mit 25 zugehörenden Einzelsprachen. Sie bilden im indischen Bundesstaat Nagaland die Hauptbevölkerung, finden sich aber auch in benachbarten Gebieten von Manipur und Arunachal Pradesh (Indien) sowie im angrenzenden Bergland Myanmars wieder. Ihre Dialekte variieren meist von Dorf zu Dorf. Ursprünglich hatten die verschiedenen Stämme keinerlei Vorstellung von einer gemeinsamen ethnischen Identität.
Der Sammelbegriff „Naga“ ist eine assamesische Fremdbezeichnung ungeklärten Ursprungs, während die Naga selbst ihren jeweiligen Stammesnamen als Selbstbezeichnung nutzen. Die einzelnen Segmente der Naga-Bevölkerung sind unterschiedlichen Ursprungs und haben sich erst in einem Prozess gegenseitiger Anpassung und wechselnder Allianzen zu den heute existierenden ethnischen Einheiten formiert. Dabei hat sich bei ihnen eine in ihren Grundzügen gleichartige traditionelle Kultur herausgebildet. Die aufgrund ihrer gründlicheren Erforschung bekanntesten Gruppen der Naga sind die: Angami-Pochori, Ao, Tangkhul, Zeme, Lotha und Rengma.
Wenn auch ihre Sprachen klar der tibeto-birmanischen Gruppe der sinotibetischen Sprachfamilie zuzurechnen sind, so gibt es deutliche Unterschiede in ihren kulturellen Ausprägungen. So ist es auch kaum möglich, die Naga- Völker aufgrund externer Kriterien zu identifizieren und sie von ihren meist anders bezeichneten Nachbarn abzuheben. Zudem wurde das zuweilen von einigen Ethnographen unterstellte Gemeinschaftsgefühl über Jahrhunderte hinweg durch Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen unterhöhlt, falls es überhaupt jemals bestanden hat.
Die auf den Bergkämmen errichteten Dörfer waren früher politisch autonome, feste Siedlungen und schützten sich durch Palisaden oder aber durch im Boden versenkte Bambusfallen gegen die Nachbardörfer, mit denen die Völker der Naga häufig in einem permanenten Zustand des Krieges lebten. Größere Siedlungen sind auch heute oft in mehrere „khel = Viertel“ eingeteilt, die jeweils von einem bzw. mehreren verwandten Klanen bewohnt werden und eigene „morung = Gemeinschaftshäuser“ unterhalten. Diese dienen nicht nur den Knaben und unverheirateten Männern als Schlafstätte, sondern sind gleichzeitig auch soziale Zentren der von ausschließlich Männern beherrschten Khel- und Dorfgemeinschaften.
Ihre Insassen, die oft in Altersgruppen unterteilt werden, erhalten hier ihre Erziehung zum Krieger und politisch verantwortlichen Mitglied der Dorfgemeinschaft. Als „Kasernen“ haben die Morung eine zentrale Funktion für die Verteidigung des Dorfes. Die politische Struktur der einzelnen Naga- Dörfer variiert von Stamm zu Stamm beträchtlich. So werden die Gemeinschaften der Ao, Angami, Lotha und Rengma von Dorfräten geleitet, ihre Häuptlinge haben bestenfalls eine nominelle Autorität. Dagegen regieren die Häuptlinge der Chang und Sema fast autokratisch, und bei einem Teil der Konyak finden sich sogar Ansätze zu einer Schichtung in Adlige und Gemeine.
Bei den meisten Naga-Gruppen sind politische sowie zeremonielle Positionen an den Klan gebunden, dessen Angehörige sie bei der Gründung des Dorfes eingenommen haben. Von den Konyak abgesehen, kennt die traditionelle Ordnung der Gesellschaft der Naga keine erheblichen Unterschiede im Rang. Ein persönliches Prestige kann durch das Abhaltung von Verdienstfesten mit aufwendigen Tieropfern erworben werden. Der so erreichte Status wird nach außen hin durch Verzierungen der Giebel am Wohnhaus demonstriert. Da bei wichtigen Anlässen dieser Art auch Gedenksteine errichtet werden, zählt man die Naga zu dem in Hinterindien recht weit verbreiteten Kreis der sogenannten Megalithkulturen.
Im übrigen verhindert das Verdienstfestwesen wirkungsvoll die Konzentration von Reichtum bei einzelnen Familien. Überschüsse ihrer Produktion werden in Form eines solchen Festes an die übrigen Dorfbewohner verteilt, und dem Spender bleibt nichts weiter als der durch seine Freigebigkeit erworbene Ruhm. Religiöse Überzeugungen der verschiedenen Stämme der Naga sind jedoch nicht einheitlich. Allgemein glaubt man an zahlreiche Geister, die dem Menschen teils freundlich teils aber auch sehr feindlich gesinnt sind, und die durch verschiedene traditionelle Riten wie Tieropfer, Geschenke und Beschwörungen beeinflusst werden können. Über eine große Zahl von erdgebundenen Geistern erhebt sich die Gestalt einer höchsten Gottheit, die mit dem Himmel in Verbindung gebracht wird.
Grundlage der Wirtschaft ist der Anbau von Reis, bei den Angami auf terrassierten Bewässerungsfeldern, bei den übrigen Naga auf Brandrodungsfeldern. In dem letzteren Fall werden neben Reis meist noch Hirse gepflanzt sowie Knollenfrüchte, wie Taro, Yams und Süßkartoffeln. Die wichtigsten Haustiere sind Mithan- Büffel, Schweine, Ziegen, Hühner und Hunde. Ein Teil des Nahrungsbedarfs wird zudem durch Jagd (Fallen, Treibjagd), Fischfang und Sammeln von Wildpflanzen, Honig oder Insekten gedeckt. Die materielle Kultur der Naga besteht aus solide rechteckigen Häusern mit Gras oder Palmblättern gedecktem Dach und Bambuswänden, z.T. auf Pfählen (z.B. bei den Ao), z.T. ebenerdig (bei den Angami, Sema u.a.), aus Baumwollkleidung, deren mehrfarbige Ornamente oft Kriegserfolge und Status des Trägers anzeigen sowie aus Korbflechterei aus gesplissenem Bambus, ebenso aus der Herstellung von Schmuck aus Rohr, Muscheln, Tierzähnen und Messing sowie einer gering entwickelten Töpferei.
Einige Naga- Stämme gelten als ausgezeichnete Holzschnitzer. Vor allem die Dorftore und die Pfosten der Morung sind, ebenso wie die hier auch aufbewahrten riesigen Schlitztrommeln, reich mit mythologischen Motiven beschnitzt. In diesen Morung (seltener im Häuptlingshaus) wurden, ebenso wie an besonderen „Kopfbäumen“, die einst im Krieg erbeuteten Schädel zur Schau gestellt. Die Kopfjagd, wegen der die Naga im weiten Umkreis berüchtigt und gefürchtet waren, beruhte auf der Vorstellung, dass die im Kopf wohnende magische Kraft die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Feld fördere. Darüber hinaus bestimmte die Anzahl der erbeuteten Schädel das Prestige eines Kriegers. Hierbei spielte unser Begriff von Tapferkeit keine Rolle.
Köpfe von Frauen und älteren Kindern besaßen den gleichen Wert wie die von feindlichen Kriegern. Eine soziale Komponente der Kopfjagd zeigt sich in der Regel, dass bei Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Khel desselben Dorfes die Gegner zwar getötet, aber nicht ihrer Köpfe beraubt werden durften. Neben dem Motiv der Kopfjagd war aber häufig auch territorialer Expansionsdrang als Folge wachsenden Drucks durch Überbevölkerung ein Grund für manche Überfälle auf Nachbardörfer. Der größte Teil des Nagalandes wurde bereits in den 80er Jahren des 19. Jh. von den Briten befriedet. Unbotmäßige Dörfer wurden von ihnen einfach niedergebrannt.
Trotzdem dauerte in einigen entlegenen Gebieten die Praxis der Kopfjagd noch bis etwa in die Mitte des 20. Jh. an. Erste historische Angaben über die Naga finden sich in Chroniken der Ahom, einem Tai-Volk, das aus Birma einwanderte und Anfang des 13. Jh. in den Ebenen von Assam ihr Reich gegründet hatten. Die Beziehungen zwischen beiden Völkern waren zunächst feindlich, da die Naga sich dem Herrschaftsanspruch des Ahom- Königs nicht beugten und ihrerseits Überfälle in die Ebenen unternahmen. Erst ab dem 16. Jh., als die Ahom eine stabile Pufferzone gegen das im Südosten ihres Reiches erstarkende Birma brauchten, kam es zu längeren Friedenszeiten, die vom formellen Austausch von Geschenken begleitet waren. Die britische Herrschaft in Assam (ab etwa 1826) hatte zunächst kaum direkte Auswirkungen auf die Naga, deren Lebensbereich für die Kolonialherren wirtschaftlich uninteressant war.
Nachdem sich aber zeigte, dass Abkommen mit einzelnen Naga-Häuptlingen aufgrund geringer politischer Organisation der Naga nicht ausreichten, um die angrenzenden Talbewohner vor Überfällen zu schützen, wurde gegen Ende des 19. Jh. die britische Kontrolle über den größten Teil der Bergregion ausgedehnt. Als „excluded area“ blieb das Wohngebiet der Naga jedoch verwaltungsmäßig vom eigentlichen Britisch Indien abgetrennt. Zuwanderungen aus den Ebenen Assams sowie auch wirtschaftliche Erschließung durch Privatleute wurden erschwert. Ausgenommen ihrer Kriegsführung und der Kopfjagd konnten die Naga interne Angelegenheiten selbst regeln. Nach der Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947 führten militante Unabhängigkeitsbestrebungen schließlich im Jahre 1963 zur Schaffung des eigenen Bundesstaates „Nagaland“ mit weitgehenden Autonomierechten.
Während die Mehrheit der Naga sich mit dieser Lösung zufrieden zeigte, führte eine militärisch organisierte Minderheit mit Unterstützung der VR China weiterhin einen Guerillakampf zur Erlangung der vollständigen Unabhängigkeit. Beziehungen zur Bevölkerung des Tieflandes sind immer noch sehr sporadisch. Auch auf dem religiösen Sektor unterscheiden sich die Naga von ihren Nachbarn. Zwei Drittel von ihnen sind christlich und nur etwa 10% sind Hindu. Trotz der recht umfangreichen indischen Entwicklungsprogramme auf den Gebieten des Straßenbaus und des Erziehungswesens gehen heute noch mindestens 90% aller Naga ihren traditionellen Beschäftigungen des Brandrodungs- oder aber des Bewässerungsfeldbaus nach. Die neugeschaffene politische Struktur des indischen Bundesstaates Nagaland mit seinem System von Distrikts- und Regionalparlamenten verwischt allerdings die alten Dorf- und Stammesgrenzen der alteingesessenen Bevölkerung und trägt mit zur Entstehung einer gemeinsamen Identität aller Naga bei.
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