Erhalten Sie täglich per Twitter News, Tips und Tricks zum Fremdsprachen lernen. Über 5700 begeisterte Fremdsprachenlerner folgen uns bereits.
Jívaro
Diesen Artikel empfehlen
Ein Oberbegriff aus dem Spanischen mit einer etwas abwertenden Bedeutung für vier sprachlich und kulturell verwandte Völker mit insgesamt mehr als 50.000 Personen. Sie zählen zu den am besten bekannten aber auch am wenigsten verstandenen indianischen Völkern Südamerikas, vor allem weil sie bis in das 20. Jh. hinein die berüchtigsten und bekanntesten Kopfjäger überhaupt waren. Ihr Lebensraum liegt im Süden Ecuadors, vor allem in Ost-Ecuador und erstreckt sich mit den zu ihnen gehörenden Stämmen bzw. Dialekten: Shuara, Achuara (Acuara, Achuar-Shiwiar), Aguaruna und Huambisa bis westlich der Cordillera de Condor, am unteren Potro, Pastaza und Marañon im Nordwesten Perus.
Die Jívaro sind typische Feldbauern des Waldlandes der regenreichen Wälder des Anden-Ostabhanges. Da, wo sie ihr Land noch voll bewahren, stehen der allein siedelnden Familie ca. 200 ha Land zur Verfügung. Davon nutzt sie etwa 2 ha für den Anbau verschiedener Pflanzen, vor allem ungiftigen Maniok, aber auch Heilkräuter. Dieses Feld soll den gesamten Ernährungsgrundbedarf nach Möglichkeit decken. Der im Vergleich zur europäischen Landwirtschaft größeren Fächerung der Produktion entspricht die geringere Produktionsmenge bei den einzelnen Pflanzen. Dieses ist typisch für die Wirtschaft, die nicht nur auf möglichst hohe Erträge für möglichst profitreichen Verkauf zielt, sondern auf die Befriedigung der Ernährungsbedürfnisse der Bauern aus ihrer eigenen Arbeit ohne ergänzende Nahrungsmittel von außerhalb.
Der Bodenbau ist bei den Jívaro gleichzeitig Umgang mit höheren Wesen. Der Erfolg der Frauen beim Feldbau untersteht beispielsweise ihrer Erdgöttin (nunkui). Diese verabscheut ihrem Glauben nach vernachlässigte Felder und erschrickt dadurch leicht. Daher muss die Feldarbeit immer sorgfältig und vorsichtig erfolgen. In den Pflanzen sehen die Jívaro menschenähnliche Wesen mit Seelen, die früher in Menschen wohnten. Die Frauen sprechen mit ihnen und beten zu „Nunkui“. Dass die Frauen den Großteil an der Feldarbeit leisten und dadurch mit den übernatürlichen Wesen in Kontakt treten können, stärkt andererseits auch ihre Position gegenüber den Männern. Nach etwa vier Jahren verlegt die Familie ihr Feld, so dass sie den Boden nicht durch allzu lange Nutzung überbeansprucht, nach weiteren vier Jahren zieht sie fort.
Nicht nur der Boden, auch das umliegende Land, das als Waldreserve durch Jagd mit dem Blasrohr und mit Kurare vergifteten Pfeilen, vor allem auf Affen, Faultiere, Tapire und wegen der bunten Federn auch auf Tukane und Papageien genutzt wird, bleibt dadurch ökologisch geschont. Eine jede Einzelfamilie ist wirtschaftlich fast autark, so dass sie ohne Rücksicht auf Abhängigkeiten von Nachbarn fortziehen kann. Der wirtschaftlichen Unabhängigkeit entspricht die politische. Jede Familie ist eine eigene Einheit. Dörfer und Häuptlinge gab es traditionell nicht. Nur während der Zeiten des Krieges konnte ein Anführer mehrere Hausgemeinschaften zu einem Bündnis vereinen. Heute haben sich vor allem unter dem Einfluss der Missionen viele Jívaros in Ecuador in gemeinsamen Siedlungen zusammengefunden, die teilweise eine aktive Organisation ihrer Gemeinde besitzen.
Traditionell gibt es bei ihnen keine sozialen Bindungen an Nachbarn sondern eher an oft sehr weit entfernt siedelnde Familien, die aber durch Heiratsbeziehungen verbunden sind, wie es beispielweise auch bei den Asháninka der Fall ist. Das ökologisch sinnvolle Umsiedeln einer Familie nach ca. acht Jahren wird durch die häufigen Konflikte unter Nachbarn begünstigt. Das Erziehungsideal des Jívaro-Mannes ist der Typ des streitsüchtigen und ehrgeizigen Kriegers. Bis in die 60er Jahre des 20. Jh. hinein gab es andauernd Kriegsfehden. Anlass dieser häufigen Konflikte war oftmals die Anschuldigung der Hexerei. Viele Krankheiten und Unfälle wurden auf das Wirken feindlicher Medizinmänner zurückgeführt. Dieses entlarvte dann der Medizinmann, der mit dem Kranken befreundet war, mit Hilfe von Hilfsgeistern in sogenannten Drogenvisionen.
Die Droge verleiht die Kraft zum Kampf mit den gegnerischen Hilfsgeistern, und erlaubt einen Blick in die Welt der Geister, die nach dem Glauben der Jívaro wesentlich realer ist als die auf Illusion beruhende diesseitige Welt. Kriege dienten aber auch dazu, die in mächtigen Kriegern (kakaram) vermutete Seelenkraft (arutam) auf sich selbst zu übertragen, indem man zunächst diesen Krieger erschlug und sich im Anschluss daran seines Kopfes bemächtigte. Danach musste seine Seelenkraft gebändigt werden, damit sie sich nicht räche und zu einer Racheseele (muisak) wird, sondern dem Töter zugute kommt. Diesem Zweck diente das Verkleinern des Kopfes zu einem Schrumpfkopf (tsantsa), für dessen einzigartige Zeremonie die Jívaro weit bekannt waren.
Gleichzeitig war es auch eine Verhöhnung des Gegners, für die sich dessen Angehörige durch einen Gegenangriff und Schrumpfung eines weiteren Kopfes rächen mussten. Seitdem die Jívaro gegen Mitte des 20. Jh. die Kopfjagd aufgaben, wächst der Einfluss der Medizinmänner, die heute ihre Kämpfe mit Zaubermitteln anstatt mit Waffen durchführen. Offiziell ist die Mehrheit der Jívaro heute jedoch christlich. Die aufgrund der ständigen Fehden sehr vereinzelt lebenden Jívaro waren in Krisenzeiten jedoch immer imstande, sich zusammenzuschließen und gegen äußere Feinde erfolgreich Widerstand zu leisten. Das Inkareich, mit dem die Jívaro Handel trieben, versuchte um 1455 ihre Unterwerfung, scheiterte aber an einem Bündnis der Jívaro-Familien untereinander und mit benachbarten Indianern.
Die Spanier setzten sich zunächst in einem Teil der Region fest, wurden aber später durch einen großen, gut vorbereiteten Aufstand 1599 vertrieben. Ihre weiteren Versuche, die Jívaro zu unterwerfen, wurden zurückgeschlagen. Erst um die Mitte des 19. Jh. begann die erneute Eroberung, diesmal durch das Angebot von Produkten wie Feuerwaffen oder Metallwaren, von denen die Jívaro allmählich abhängig wurden. Im 20. Jh. wurden die Jívaro nicht durch Waffengewalt vertrieben, sondern durch die stetige Infiltration von weißen Siedlern und Missionaren, die ihr Land besetzten und bei den Jívaro die – heute in einigen Gebieten neben dem Bodenbau sehr bedeutende – Viehzucht einführten. Während der größere Teil der Jívaro noch unabhängige Kleinbauern sind, lebt eine starke Minderheit von ihnen bereits als Pächter oder Landarbeiter.
In den 60er Jahren begannen sowohl in Peru als auch in Ecuador besondere Initiativen der Jívaro, indem sie sich zusammenschlossen, um ihre alten Landrechte zu verteidigen. Heute ist wohl eine der effektivsten indigenen Organisationen Südamerikas die „Federación Shuara“. In Peru fasste diese Selbstorganisation erst später Fuß, in Ecuador konnte sie sich zu einer heute recht starken Föderation von Siedlungen der Jívaro entwickeln, deren wichtigste Programme die Anerkennung von Landbesitz sowie Gesundheits- und Bildungsprogramme sind.
Diesen Artikel empfehlen




