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Beduinen
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Eine Sammelbezeichnung für die in den Steppen und Wüsten Südwestasiens und Nordafrikas lebenden nomadischen Kamelhirten. Sie sind ethnisch den Arabern zuzuordnen, unterscheiden sich aber naturgemäß von der Stadt- und der sesshaften Landbevölkerung, den Fellachen. Ihr Name leitet sich vom arabischen Wort „badu“ her, was „Wüsten-“ oder auch „Steppenbewohner“ bedeutet.
„Beduine“ ist keine Eigenbezeichnung, denn die verschiedenen Gruppen der Beduinen nennen sich stets nach dem Namen ihres Stammes. Bedeutende Beduinengruppen nomadisieren in Libyen, wo die ariden Zonen des nördlichen Sahel und der Sahara bis nahe an die Ufer des Mittelmeeres reichen. Einer der größten Stämme in der nördlichen Cyrenaika sind die Abaidat und auch die Magarba. Im Landesinneren, bei Kufra, nomadisieren die El Sweja. In Tripolitanien findet man die Uled Sliman und die El Sintan, auf der Hamada el Homra die Haraba, südlich davon die Hassaua und zwischen Brak und Edri die Stämme aus dem Wadi esch-Schati, die nur zum Teil Nomaden sind.
Ein bedeutender Stamm im Norden der algerischen Sahara sind die Uled Sidi Cheikh in den Monts des Ksour. Die Uled Nail, in den nach ihnen benannten Monts des Ouled Nail, sind ebenso arabisierte Berber wie die Uled Amur , die ihre Schafe und Ziegen auf den Hängen des Djebel Amour weiden. In Südalgerien, südlich von Ghardaia, leben die Sha’amba, die in der Oase Metlili ihr religiöses und politisches Zentrum haben. Ihr weit ausgedehntes Nomadisationsgebiet erstreckt sich zwischen den riesigen Sandgebieten des östlichen und des westlichen Großen Erg. Ein Teil der ungefähr 20.000 Sha’amba ist in die Oasen Ouargla, El Golea und El Oued ausgewandert.
Ein noch bedeutender Beduinenstamm sind die Uled Sliman , die im 18. Jh. einer der mächtigsten Stämme Libyens waren. Nach Schlachten mit den Türken blieb nur noch ein kleiner Teil von ihnen, die, die sich den Türken unterwarfen, in der Gegend. Die anderen, die am Leben blieben, wanderten nach Kanem aus, wo sie in der Mitte des 19. Jh. schon wieder eine solche Stärke besaßen, dass sie Raubzüge bis nach Darfur, in der heutigen Republik Sudan durchführen konnten. Nach einer Schlacht mit den Tuareg der Kel Aïr wurde erneut ein großer Teil von ihnen ausgerottet. Doch wurden sie danach wiederum zu einem räuberischen Stamm. Gegenwärtig nomadisieren sie in der Manga und im nördlichen Kanem mit großen Rinder- und Kamelherden.
Sie besitzen nach wie vor noch enge Verbindungen zu ihren in Libyen verbliebenen Verwandten. Das Beduinentum hat sich durch eine Übervölkerung in den einzelnen agrarischen Zentren des nordafrikanisch- vorderasiatischen Großraums, Expansion der dort lebenden Bevölkerung, Abdrängung an die Peripherie des Kulturlandes und in den Übergangsbereichen zur Wüste entwickelt. Der Halbnomadismus entstand wahrscheinlich durch eine Extensivierung der Viehzucht in halbariden Zonen, in denen zwar bereits ungenügender Niederschlag fällt, aber doch noch üppige Weidevegetation gedeiht. Schafe und Ziegen liefern den Halbnomaden einen Großteil der Subsistenzgüter und mit Agrarerzeugnissen wird die stete Unsicherheit der Viehzucht ausgeglichen.
Die Formen des Halbnomadismus sind vielfältig, je nach den örtlichen Gegebenheiten mit stärkerer Betonung auf Viehzucht oder Bodenbau. Erste Halbnomaden sind in Vorderasien schon um die Mitte des 3. Jh. v. Chr. mit den Akkadern und um 2000 v. Chr. mit den Amoritern erfassbar. Der beduinische Vollnomadismus stellt noch extremere Spezialisierungen der Menschen an die Wüsten- und Halbwüstenumgebungen mit ihrer spezifischen Vegetation wie Salzpflanzen, Tamarisken, Akazien und Zwergsträucher dar. Seine Entstehung hängt wesentlich mit der Domestizierung des Dromedars, Mitte des 2. Jt. v. Chr., und vor allem seiner nur wenige Jahrhunderte später bezeugten Nutzung als Reittier zusammen.
Erst die Haltung dieses an die extreme Wüstenvegetation optimal angepassten Tieres gab arabischen Viehzüchtern die Möglichkeit, in die ariden Zonen dauernd einzudringen. Im Gegensatz zu anderen Tieren kann sich das Dromedar ganzjährig von der Wüstenvegetation ernähren, braucht nur in größeren Zeitabständen zum Wasser geführt zu werden, das in der Wüste ja nur in weit voneinander entfernten Brunnen zu finden ist, und vermag dann große Mengen Flüssigkeit auf einmal aufzunehmen, dabei mehr als 100 Liter, und für die nächsten wasserlosen Tage und sogar Wochen zu speichern. Zudem ist das Dromedar ein ideales Lasttier, das 200 bis 300 kg bewältigt, und der Karawanenhandel, jahrhundertlang eine unverzichtbare Einkommensquelle nicht nur für die arabischen Bewohner der Oasen, sondern auch für die Beduinen, ist ohne die intensive Nutzung dieses Tieres völlig undenkbar.
Der Kamelnomadismus ist jedoch nur eine – und zwar die extremste – Form des beduinischen Nomadismus, und typisch insbesondere für die Stämme im Inneren der arabischen Halbinsel. Auch Ziegen und Schafe, Rinder, Pferde und Esel können im vollnomadischen Weidebetrieb gehalten werden, und da diese Tier jeweils ganz unterschiedliche Lebensbedingungen benötigen, variieren auch bei den Beduinen die Formen vollnomadischer Viehhaltung beträchtlich. Dabei sind die Grenzen zwischen dem Voll- und Halbnomadismus fließend. Unter dem Zwang der Verhältnisse-, wie z.B. Naturkatastrophen, klimatische Veränderungen usw., kam es in der Geschichte immer wieder zur Aufgabe des nomadischen Wanderlebens und zum Übergang zur halbnomadischen Lebensweise und umgekehrt.
Für beide Formen des Nomadismus gilt jedoch ein gemeinsames sehr typisches Merkmal, auf der Suche nach Weiden für seine Tiere unternimmt der Beduine niemals auch nur den Versuch, die Effizienz seiner Umwelt durch einen Eingriff zu erhöhen, wie dies in anderen bäuerlichen Gesellschaften sonst üblich ist, er beutet sie lediglich aus. Die jahreszeitlich wechselnde Wüstenvegetation bringt eine extreme Weitläufigkeit der beduinischen Weidewirtschaft mit sich, die sich oft in einem Umkreis von mehreren Kilometern bewegt. Ihre tägliche Nahrung decken die Beduinen vorwiegend mit den Milchprodukten ihrer Tiere; Fleisch gibt es nur selten. Da das Dromedar nur relativ wenig Erträge liefert, werden, wo irgend möglich, zusätzlich Schafe und Ziegen gehalten.
Wildpflanzen und Jagd ergänzen häufig das Nahrungsangebot. Damit sind aber die Lebensbedürfnisse der Beduinen keineswegs ausreichend befriedigt. Sie handeln auf den Märkten der Oasen, die sie bei ihren Wanderungen berühren, Getreide ein, erheben Schutz- und Zollgebühren von Reisenden, die ihr Weidegebiet durchziehen, begleiten Pilger- und Handelskarawanen durch die nur ihnen vertraute Wüste und sind auf Grund ihrer eigenen Wanderungen zwischen den Kulturlandschaften prädestiniert, in den Fernhandel als Zwischenhändler einzugreifen. Das stete Wanderleben der Beduinen setzt eine ganz bestimmte Ausformung der materiellen Kultur voraus. Sie muss leicht an Gewicht sein, sehr strapazierfähig, transportabel, bequem in der Handhabung und vor allem unzerbrechlich, also etwa aus Holz, Leder, Metall.
Die Behausung ist gewöhnlich das schnell auf- und abschlagbare Ziegenhaarzelt, das sich bei Feuchtigkeit bis zur Regenundurchlässigkeit vollsaugt. Die Kleidung wird aus Leder, Wolle und Tierhaar gefertigt und muss in erster Linie zum Reiten geeignet sein. Die dürftige Wüstenvegetation erlaubt kein geschlossenes Weiden eines Stammes oder einer Stammessektion; kleine und kleinste Einheiten von zwei bis sieben Zelten mit jeweils eigenen Herden bilden als Lagergemeinschaft den sozialen und wirtschaftlichen Nukleus. Die Frauen übernehmen bei den Beduinen wichtige wirtschaftliche Aufgaben und sie führen dabei ein weit selbständigeres und geachteteres Leben als es bei den sesshaften Bauern der islamischen Länder der Fall ist. Sie genießen eine bedeutend größere Bewegungsfreiheit und auch ihr persönlicher Status ist dadurch gefestigt, dass Polygamie unter den Beduinen immer nur eine Ausnahmeerscheinung war. Monogamie ist die vorherrschende Eheform.
Für die Existenzfähigkeit der beduinischen Gruppe sind vor allem ihr Solidaritäts- und Identitätsbewusstsein lebensnotwendig, ebenso die engen verwandtschaftlichen Bindungen, die in den Zeiten der Not einen wichtigen Schutz darstellen. Die patrilineare Abstammungsordnung bestimmt die soziale Struktur der Beduinen. Der Stamm (qabila) stellt die größte soziale und politische Einheit dar, der sich, infolge wirtschaftlicher Gegebenheiten, in Unter- und Zweigstämme gliedert. Die Stämme setzen sich nach einem genealogischen Prinzip zusammen, d.h. es wird nach der wirklichen oder bloß fiktiven Abstammung von einem gemeinsamen Ahnherrn gerechnet. Dies drückt sich auch in der Namensgebung aus. Vor dem eigenen Namen eines Mannes steht z.B. immer „beni = Söhne“ oder „aulad, ulad = Nachkommen der männlichen Linie“.
Die entsprechende Genealogie ist jedem Mitglied des Stammes bis ins Detail bekannt und der Nachweis dieser Kenntnis ist das Kriterium für die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft. Als soziale Grundeinheit stellt sich die Großfamilie dar, die sich aus dem Vater und den Familien seiner verheirateten Söhne und den noch nicht verheirateten Töchtern zusammensetzt. Besonders hervorzuheben ist dabei das Gefühl unverbrüchlicher Loyalität (asabiya) zueinander, die völlig unabhängig von bestehenden rechtliche Normen ist. Der Blutsverwandte ist gegen Außenstehende unbedingt zu schützen, wenn dieser objektiv auch im Unrecht ist. Eine solche Grundhaltung führte in neuerer Zeit zu erheblichen Konflikten mit der jeweiligen Staatsgewalt. Das Oberhaupt beduinischer Gruppen (sheikh) besitzt keinen autokratischen Führungsanspruch.
Er besitzt gewöhnlich größeren Reichtum, ist aber zur Verteilung dieses Überflusses bei Gastmahlen und Festen an die Stammesgenossen verpflichtet. Seine Aufgaben betreffen die Innen- wie Außenbeziehungen; Justiz, Marktrecht, Brunnenrechte, Bündnispolitik usw. Da die Beduinen wirtschaftlich nicht autark sind, kommt es zu ständigen, teils recht engen Kontakten mit der sesshaften Bevölkerung in Oasen. Manche Stammesführer besitzen nicht selten dort Land, das sie von Hörigen oder Pächtern bearbeiten lassen. Doch die Selbstverabsolutierung ihrer Lebensweise, als der einzig wahren und richtigen Form der Existenz überhaupt, führt bei den Beduinen zu einer Verachtung des sesshaften Bauern sowie auch seiner erniedrigenden – weil eben nicht viehzüchterischen – Beschäftigung.
Der Nomadismus der Beduinen ist aber eine höchst krisenanfällige Wirtschaftsform. Seuchen, klimatische Katastrophen, Versiegen von Brunnen können schnell zu akuter Existenznot führen. Die einzige Rettung ist dann der Griff nach dem Eigentum der Sesshaften oder der Überfall auf Karawanen, bei dem die Beduinen durch ihre Beweglichkeit einen taktischen Vorteil besitzen. Einfälle dieser Art sind jedenfalls oft das Anzeichen für eine Krisensituation in der nomadischen Wirtschaftsform. Zu heutiger Zeit allerdings sind den Beduinen solche Auswege verschlossen, und auch anderweitig wurde ihre gewohnte Lebensform sehr beschnitten. Der Karawanen- und Pilgerverkehr durch die Wüste stagnierte und die Züchtung dürrebeständiger Nutzpflanzen und moderne Formen der Bewässerung ermöglichten den Vorstoß der Bauern in Wüsten und Halbwüsten und verkleinerte somit den für die extensive nomadische Nutzung benötigten Weideraum. Moderne Grenzziehungen behindern die großräumigen Wanderbewegungen der Nomaden und Produkte der nomadischen Wirtschaft sind in den Dörfern und Städten nicht länger gefragt und können daher nicht mehr zum für die Beduinen lebensnotwendigen Eintausch von Getreide sowie anderen Artikeln benutzt werden.
Prozesse der Sesshaftwerdung werden in allen Ländern mit beduinischer Bevölkerung – oft mit Geldprämien – gefördert, gilt der Nomadismus dort doch vielfach als Zeichen mittelalterlicher Rückständigkeit. Erst langsam setzt sich bei Regierungen die Erkenntnis durch, dass die nomadische Wirtschaftsform oftmals die einzige Möglichkeit ist, aride Zonen weiterhin intensiv zu nutzen und ihre Modernisierung durch Veterinärüberwachung, mobile Gesundheitsstationen und Schulen, verbesserte Rassen von Tieren usw. daher für die Volkswirtschaft dieser Länder teilweise sinnvoller wäre. Vielfach ist die Aufgabe des Vollnomadismus mit einem Anwachsen des Halbnomadismus verbunden. Das Gewohnheitsrecht der Beduinen (‚urf), das erst in jüngster Zeit für die einzelnen Stämme schriftlich niedergelegt worden ist, unterscheidet sich in vielen Bestimmungen von dem islamischen Rechtssystem der Scharia.
Das Gewohnheitsrecht der Beduinen trägt nicht so sehr der Idee von Schuld und Sühne Rechnung, sondern es soll hauptsächlich weitere Komplikationen vermeiden. Der Richter soll als Vermittler zwischen den Streitparteien fungieren, und dementsprechend werden die Rechtsfälle behandelt. Das gilt für die „Blutrache“ ebenso wie für das eng damit verbundene Schutz- und Gastrecht. Bei Mord, Tötung im Kampf oder auch bei unbeabsichtigtem Totschlag steht das Bestreben im Vordergrund, auf dem Verhandlungsweg zwischen den davon betroffenen Gruppen eine Einigung über die Entrichtung eines „Blutgeldes“ zu erreichen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Das kriegerische Nomadentum der Beduinen gehört heute weitestgehend der Vergangenheit an. Der Übergang zum Halbnomadentum, das von den Beduinen ursprünglich als ein sozialer Abstieg empfunden wurde, ist praktisch überall im Nahen Osten vollzogen, und die neuen Staaten in dieser Region haben sich die Sesshaftmachung der Beduinen zu einer zentralen Aufgabe ihrer Politik gemacht.
Zwangssiedlungen erwiesen sich zwar als wenig sinnvoll, doch ist es in den meisten Fällen gelungen, staatliche Interessen mit den Beduinen einigermaßen in Einklang zu bringen. Die Einrichtung spezieller Beduinen-Referate bei den Regierungsstellen oder die Schaffung einer aus Beduinen zusammengesetzten Wüstenpolizei und die Kodifizierung der jeweiligen Rechtssprechung der Beduinen und dessen Anwendung spielten dabei ebenso eine Rolle wie die Zuweisung von Parlamentssitzen an angesehene Oberhäupter der Beduinen. Durch das Anlegen von Brunnen und Wasserreservoiren und durch die Verbesserung der Voraussetzungen für eine profitable Viehzucht konnte der Bewegungsradius der Beduinen so reduziert werden, dass er für die Verwaltung eines Flächenstaates besser überschaubar wurde. Damit ist es gelungen, die Kontrolle über die Beduinen zu erhöhen. Die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der arabischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens werden auch in der Zukunft die kulturelle Identität der einzelnen Beduinenstämme beeinflussen.
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