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Bachtiaren
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Bachtiaren
Eine noch teilweise vollnomadisch lebende Stammeskonföderation im Westen des Iran. Ihr Zentrum ist das Zagros-Bergland. Im Norden gehört ein Teil des iranischen Hochlandes und im Süden der nördliche Streifen des Tieflandes von Khusistan zu dem Siedlungs- und Wandergebiet der Bachtiaren, deren Eigenbezeichnung „Bakhtiari“ ist.
Sie sind ein sehr eng mit den Luren verwandtes Volk, dessen Sprache zu der westiranischen Gruppe zählt und die Bezeichnung –› Lurisch-Bachtiarisch trägt. Ihre Anzahl beträgt etwa 1 Mio. (2001), von denen noch ca. 350.000 monolingual sind, und sie sind Anhänger der allgemeinen Staatsreligion des Iran, der „Zwölfer Schia“. Bis weit in die 60er Jahre des 20. Jh. hinein zählten sie mit den turksprachigen Kaschkai zusammen zu den größten und politisch bedeutsamsten Nomadenstämmen des Iran. Bekannt wurden sie durch ihre Teppichherstellung.
Charakteristisch für das Volk der Bachtiaren ist eine segmentäre Stammesorganisation. Sie unterteilen sich in zwei Stammesgruppen (tirah, taifah), in die Haft Lang und in die Tschahar Lang, die jeweils wieder in weitere Unterstämme gegliedert sind. Jede Taifah unterstand in früheren Zeiten einem Oberhaupt (kalantar, khan), der wiederum dem zentralen Führer der Bachtiaren, dem „Ilkhan“, untergeordnet war. Den Ilkhan stellte ab der Mitte des 19. Jh. die Lineage der „Duraki“ aus dem Stamm der Haft Lang. Dieses Machtgefüge musste immer wieder erneut ausbalanciert werden, da eine Opposition gegen Entscheidungen häufig zu gewaltsamen Konflikten führte.
Der Privatbesitz der Familien der Stammeselite an Land sowie auch an den Ölfeldern und ihre Funktionen in der Landesadministration ermöglichten es ihnen, eine an den eigenen Interessen orientierte Politik zu betreiben. Der erzwungene Verkauf der Ölfelder und die Exekution einiger als Minister tätiger Bachtiaren-Khane Mitte bis Ende der 30er Jahre waren entscheidende Schläge gegen die Macht der Stammeseliten. Die Wirtschaftspolitik des letzten persischen Schahs, die auf dem Aufschwung der Ölindustrie in Khusistan basierte, förderte den Ausbau der Landwirtschaft und von Industrieanlagen in der Provinz, so dass einige Angehörige der Bachtiaren die traditionelle Lebensweise aufgaben und in diese Wirtschaftssektoren überwechselten.
Die nomadischen Bachtiaren folgten weiterhin dem für die Weidewirtschaft im Zagros-Gebirge charakteristischen saisonalen Wechsel ihrer Weiden von den tiefer gelegenen Winterarealen (kishlak) in die weiter hochgelegenen Bergregionen der Sommergebiete (yala). Dieses saisonale Aufsuchen von Weiden in verschiedenen Höhenlagen der Berge, der sogenannte „Bergnomadismus“, war die traditionelle Lebens- und Wirtschaftsform der Bachtiaren. Sie gehören zu den letzten Gebirgsnomaden, bei denen die jährlichen Wanderungen von den Sommer- zu den Winterweidegründen mit Schaf- und Ziegenherden (zwei Drittel Schafe, ein Drittel Ziegen) oft über 300 km führen und jedes Jahr zwei oder drei Monate beanspruchen. Diese Züge über Pässe und durch Felsschluchten des Zagros-Gebirges stecken voller Gefahren und werden manchem Teilnehmer, ob Tier oder Mensch, manchmal sogar zum Verhängnis.
Das gesamte Hab und Gut wird auf Lasttieren (Esel, Maultiere, Ochsen) mitgeführt. Zwar gibt es sowohl in der Nähe der Sommer- als auch bei den Winterweiden feste Häuser, doch die traditionelle Behausung der Nomaden blieb weiterhin das schwarze Ziegenhaarzelt, das sich leicht abschlagen und schnell wiederaufbauen lässt, wenn im Laufe des Sommers die Weiden in immer höhere Regionen – bis zu 4.000 Metern – verlegt werden. Schneestürme und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sind in den hohen Gebirgslagen an der Tagesordnung. Ein plötzlicher Wettersturz kann über Nacht die ganze Herde vernichten. Vier bis zehn, im Frühjahr auch zehn bis fünfzehn Familien oder Zelte mit Eltern, Kindern, Großeltern sowie den unverheirateten Geschwistern bilden zusammen eine Lagergemeinschaft.
Die kleinste Gruppe, die gemeinschaftlich Rechte auf Land besitzt, heißt „Korboh = Söhne des Vaters“. Jede Familie besitzt ihren persönlichen Anteil am Ackerland, die verschiedenen Weiden gehören aber jeweils einer größeren Stammesgruppe gemeinsam. Sie werden in jedem Jahr in einem immer gleichbleibenden Turnus aufgesucht. Die Gastfreundschaft wird bei den Bachtiaren großgeschrieben und ihre Regeln werden dabei sehr streng beachtet. Je angesehener ein Gast ist, um so großzügiger ist auch die Gastfreundschaft, die ihm entgegengebracht wird. Die Bachtiaren leben im mittleren Teil des Zagros-Gebirges über ein Areal, das sich über mehr als 50.000 km² erstreckt. Es besteht aus einer Reihe fruchtbarer Hochebenen und Gebirgstäler, in denen sie Hunderte von Dörfern gegründet haben.
Die Viehwirtschaft bildet die Ernährungs- und Lebensgrundlage der nomadischen Bevölkerungsgruppe, doch ist man auf den Bodenbau als Nebenerwerb angewiesen. Bei allen Weiden, ob im südlichen Tiefland oder im zentralen Zagros, werden Felder angelegt, die allerdings meist nur minimale Erträge an Weizen und Gerste liefern. Zwischen den Monaten November und Januar erwartet man die alljährlichen Winterregen, doch ist darauf nicht immer Verlass. Bleiben die Niederschläge weg oder kommen sie zu spät, dann gibt es nichts zu ernten und die Weiden verdorren. Auf den höchsten Höhenstufen ist nur noch Regenfeldbau möglich. In den fruchtbaren Gebirgstälern dagegen können die Felder bewässert werden und es wird Reis, Getreide und Obst angebaut. Handel und Tausch bilden neben der Viehzucht und dem geringen Ackerbau die dritte und keinesfalls verzichtbare Absicherung des nomadischen Lebens der Bachtiaren.
Bei der Ethnogenese der Bachtiaren waren wie es scheint iranische, arabische sowie auch mongolische Volkselemente beteiligt. Im Laufe der Zeit dürfte auch die autochthone nichtiranische Bevölkerung des Zagros teilweise mit den Bachtiaren verschmolzen sein. Die Geschichte der Bachtiaren wurde nur sehr lückenhaft überliefert. Möglicherweise sind sie im 13./14. Jh. aus Syrien kommend in dieses Gebiet eingewandert. Doch wahrscheinlich waren sie bereits zu sassanidischer Zeit (3. bis 7. Jh. n. Chr.) Nomaden oder aber Halbnomaden. Historische Quellen belegen, dass sich die Bachtiaren, ähnlich dem Stamm der Kaschkai, gegen Ende des 17. Jh. als ein regional bedeutender Nomadenstamm im Südwesten des Iran etabliert hatten. Kämpfe zwischen einzelnen Stämmen schwächten bis zu ihrer Einigung, Mitte des 19. Jh., die Schlagkraft der Bachtiaren.
Doch in der darauffolgenden Zeit verfügten sie über ihre größte politische und wirtschaftliche Macht. Seit damals konnte sich eine feudalistische Führungsschicht herausbilden, die, nicht zuletzt durch England gestützt, zu einem Mittler zwischen der iranischen Zentralgewalt und dem Stamm der Bachtiaren wurde. Sie profitierten von den britischen Handelsinteressen in der Region, die von Khusistan bis Isfahan eine Handelsroute quer durch das Bachtiaren-Territorium errichteten. Nach der Entdeckung bedeutender Ölvorkommen (1908) in der Provinz Khusistan erhielten die Khanfamilien von den Briten beträchtliche Zahlungen für abgetretenes Stammesland sowie auch Anteile an der ersten Ölkompanie auf iranischem Gebiet.
Danach begleiteten sie den Stamm nicht mehr auf ihren ständigen Wanderungen, sondern ließen sich in den Städten in eigenen Residenzen nieder. Obwohl ihr Leben so entfernt vom nomadischen Wirtschaftszyklus verlief, blieben sie weiterhin die Stammesführer, gestützt auf eine ergebene nomadische Klientel, deren Treue sie nicht zuletzt mit ihren nunmehr festen Einkünften erkauften. Bachtiarische Khane waren bei der persischen Verfassungsbewegung vor dem Ersten Weltkrieg entscheidend mitbeteiligt. Die aus der Sicht der kadscharischen Zentralverwaltung eigenmächtige Politik der Bachtiaren wurde von Reza Khan, dem Anführer des Putsches von 1921 gegen das abgewirtschaftete Kadscharen-Regime bitter gerächt.
Als Reza Shah (1925– 1941) an die Macht kam und langsam die persische Zentralgewalt erstarkte, wurden die Khane zwar nach und nach entmachtet, doch verstanden sie es, sich auf anderem Gebiet mit ihm zu arrangieren und stellten Minister, Militärs sowie auch hohe Beamte. Die Landreformen seines Sohnes, die im Zuge der „Weißen Revolution“ in den 60er Jahren durchgeführt wurden sowie weitere repressive Maßnahmen beendeten die Autonomie des Stammes und führten zu verstärkter Sesshaftigkeit. Die heutigen Bachtiaren sind keine geschlossene nomadische Gruppe mehr. Etwa zwei Drittel von ihnen leben schon seit langem als Sesshafte unter Aufgabe ihrer traditionellen Stammesbindungen und ein anderer Teil steht auf dem Übergang zur Sesshaftigkeit. Diese Umorientierung der traditionellen Wirtschaftsweise wurde von Reza Shah entscheidend forciert, der mit teilweise recht drakonischen Maßnahmen die Bachtiaren zur Ansiedlung zwang, die Wanderungen unterband, sogar das Wohnen im Zelt verbot und, um jeden Widerstand auszuschließen, die nomadischen Stämme entwaffnen ließ.
Die Abdankung Reza Shahs führte zwar nach dem Zweiten Weltkrieg bei sehr vielen Bachtiaren zu einer Wiederaufnahme ihrer traditionellen Lebensweise, doch wurde mittlerweile, wenn auch nicht durch direkten Zwang, die Tendenz zur Sesshaftwerdung gefördert. Zum einen griff dabei der iranische Staat ein, indem er die Weiden verstaatlichte und damit auch den Gruppen, die nicht bachtiarischen Ursprungs waren, ein Anrecht sicherte, dort sowohl ihr Vieh zu weiden als auch ihre Siedlungen zu errichten. Zum anderen ging eine gewisse Motivation zur Sesshaftwerdung auch von einem gewissen Bedürfnis nach Luxusgütern und dem Wunsch aus, in der Nähe von Administration und Schulen zu leben.
Ein letzter Ausschlag für eine feste Ansiedlung war aber oftmals noch die Existenznot einzelner Familien, z.B. nach Herdenverlusten. Bevorzugt wurden dann Orte entlang der alten Wanderwege oder bei den ehemaligen Lagerplätzen als ihr fester Wohnsitz gewählt. Manche Bachtiaren gingen auch als Ölarbeiter nach Khusistan. Aber ebenso ist auch der genau umgekehrte Prozess feststellbar; wer besonders reich ist, kann es sich leisten, die Betreuung seiner Herden Verwandten oder Miethirten zu überlassen und selbst ein sesshaftes Leben in der Stadt zu führen. Niemals in all den Jahren kam es aber zu einer gemeinsamen Sesshaftwerdung geschlossener Stammesteile, immer wieder war es der individuelle Anreiz, der eine manche Einzelfamilie zur Aufgabe ihres nomadischen Lebens veranlasste.
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